Freud und die Psychoanalyse vs. Selbstverwirklichung & Wachstum

Im letzten Beitrag haben wir gesehen, dass es unterschiedliche Ansätze zur Erklärung der Persönlichkeit gibt. Bei diesen Ansätzen darf u.a. Sigmund Freud natürlich nicht fehlen 🙂 Für alle Theorien gilt, dass unterschiedliche Theorien auch auf unterschiedliche Erklärungsansätze und Vorhersagen treffen. Ein interessanter Aspekt ist, dass die Schlussfolgerungen aus den Persönlichkeitstheorien – besonders die von Freud – von vielen weiteren wissenschaftlichen Disziplinen aufgegriffen worden sind und sich auf das gesamte gesellschaftliche Leben ausgewirkt haben (vgl. Pervin et. al 2005, S.30). (Fortsetzung zu Persönlichkeitstheorien)

Sigmund Freud der Begründer der psychodynamische Theorien

Allen psychodynamischen Theorien ist gemein, dass starke, unbewusste innere Kräfte die Persönlichkeit formen und für die Motivation von Verhalten verantwortlich sind (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S.515).


Die psychoanalytische Theorie von Freud besagt, dass jegliches Verhalten motiviert ist und nichts zufällig geschieht, sondern jedes Verhalten Ursache und Zweck hat und dies durch das Unbewusste der Persönlichkeit oft verschlossen bleibt. Verantwortlich für das Handeln sind demnach Kämpfe im Inneren zwischen Trieben, Instinkten und Bedürfnissen, die starke Spannungen und Konflikte im Inneren der Person hervorrufen (vgl. Pervin et. al 2005 S. 107). Freuds Forschung war stark auf sexuelle Konflikte, insbesondere die in der Entwicklungsphase des Kindes, gerichtet. Demnach muss das Kind verschiedene Stadien durchlaufen, die tiefgreifenden Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung sowie die Verhaltensmuster im Erwachsenenalter haben (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S.517) Die treibende Kraft dahinter, der Eros, steht mit sexuellem Verlangen und der Erhaltung der Art in Verbindung. Erfahrungen manifestieren sich im Un- bewussten, das dem Bewusstsein nicht zugänglich ist, sich aber in Symptomen, Träumen, Gedanken, Versprechern und letztendlich auch im Handeln zum Ausdruck kommt (vgl. Ger- rig und Zimbardo 2008, S.517 f.). Zusätzlich machte Freud mentale Prozesse aus, die im ununterbrochenen Kampf sich gegenüberstehen: Das Ich, stellvertretend für das Selbst, ist der Vermittler im Kampf zwischen dem Es, das die grundlegende Triebe symbolisiert, und dem Über-Ich, als die Vorstellung vom Gewissen (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S.517 f.). Extreme Kämpfe oder Begierden, zwischen Über-Ich und Es, die nicht zufriedenstellend für beide Seiten gelöst werden können, verbannt das Bewusstsein in die Tiefen des Unbewussten. Hier werden insbesondere die „Verdrängung und Abwehrmechanismen“ des Ich, als Prozesse und mentale Strategien aufgeführt, die dafür sorgen dass das Ich nicht überwältigt wird und die es ermöglichen, dass ein günstiges Selbstbild aufrechterhaltet werden kann (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S.518 f.). Die Erweiterung von psychodynamischen Theorien durch Vertreter wie Alfred Adler, Karen Horney oder Carl Gustav Jung behielten grundsätzlich die Sicht des Unbewussten und der Triebe bei. Diese Theorien stellten aber stärker auf das Ich, auf die Gestaltung bewusster Denkprozesse, auf soziale Variablen ab und schmälerten den Einfluss der sexuellen Energie und schenkten nicht nur der Kindheit für die Entwicklung der Persönlichkeit Aufmerksamkeit (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S.518 f.).

„Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden als Freude zu gewinnen“ Sigmund Freud

Humanistische Theorien

Im Mittelpunkt der humanistischen Theorien steht das Streben nach Wachstum und Selbstverwirklichung. Die Selbstverwirklichung resultiert aus einem innewohnenden Potenzial, das jeder Mensch in sich trägt und sich aus bewussten Erfahrungen einer Person mit der Umwelt vollzieht. Vertreter wie Carl Rogers, Abraham Maslow und Karen Horney waren sich sicher, „dass die Motivation für das Verhalten aus den einzigartigen angeborenen und erlernten Tendenzen einer Person kommt, sich in eine positive Richtung zu entwickeln und zu verändern, mit dem Ziel der Selbstverwirklichung“ (Gerrig und Zimbardo 2008, S.522). Maslow stellte die Selbstverwirklichung an die Spitze seiner Bedürfnispyramide. Horneys Theorie postuliert, dass es positive Umweltbedingungen braucht für die Verwirklichung eines „wahren Selbst“ (Gerrig und Zimbardo 2008, S.515). Dazu gehört insbesondere in der Kindheit die elterliche Liebe, das Wohlwollen anderer sowie eine Atmosphäre der Wärme (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S.523). Auch Horney betont wie Freud innerpsychische Abwehrmaßnahmen, die beim Fehlen von günstigen Umweltbedingungen in tiefer Angst münden und das Schaffen tiefer Beziehungen verhindern. Carl Rogers, ein Pionier auf diesem Gebiet, dessen Lehre unter anderem im Coaching oder Management weite Verbreitung findet (vgl. Pervin et. al 2005 S. 233), geht davon aus, dass alle Menschen bestrebt sind aus Ihrem Dasein auf Erden (vgl. Boeree 2006, S.4) das Beste herauszuholen. Rogers betont die phänomenologische Welt des Individuums, die sich hauptsächlich auf bewusste Erfahrungen und Wahrnehmungen stützt und den Menschen als Herr seiner Sinne darstellt (vgl. Perrin et. al 2005, S. 276). Im Gegensatz zu Freud werden psychische Instanzen verneint und unbewusste Kräfte, die sich im Verhalten spiegeln, nicht berücksichtigt. Besondere Bedeutung wird dem Selbstkonzept zugeschrieben, nach welchem sich Menschen derart verhalten, dass Sie die- sem entsprechen. Bei Inkongruenz zwischen Selbstbild und gemachten Erfahrungen mit der Umwelt kann dies zu psychischen Krankheiten oder antisozialem Verhalten führen (vgl. Boeree 2006, S.4).

Des Weiteren betont Rogers die Bedeutung der „unbedingt positiven Wertschätzung“ (Boeree 2006 S.4) bei der Erziehung von Kindern. Dabei sollen sich Kinder die Liebe ihrer Eltern nicht verdienen müssen, sondern von einem Gefühl der Liebe und Akzeptanz umgeben sein, trotz Fehlverhalten. Dieses Gefühl sollten auch Erwachsene mit nahestehenden Personen erhalten und verbreiten, denn sonst wird das Streben nach Selbstverwirklichung durch das Bedürfnis nach Akzeptanz konterkariert bzw. untergraben (vgl. Boeree 2006, S.5).

→ Gegenüberstellung der Theorien

Die Entwicklung der humanistischen Persönlichkeitstheorien kann man als Folge auf die da-mals vorherrschenden psychoanalytischen (und lerntheoretischen Theorien) der Persönlichkeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts sehen. Die humanistischen Theorien betonen das Wachstum, die bewussten Kräfte innerhalb des Individuums sowie dessen Potenzial. Diese Theorien grenzen sich somit stark von der Freud’schen Psychoanalyse ab, in der ein pessimistisches Menschenbild vorherrscht und das Individuum seinem Unterbewusstsein sowie Trieben hilflos ausgeliefert ist (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S.523 f.). Im Gegensatz zu Freud betrachtet Rogers die Persönlichkeit als ganzheitlich und nicht aus einzelnen mentalen Prozessen (Ich, Über-Ich und Es) bestehend und betont die Veränderbarkeit des Menschen mit all seinem Wachstumspotenzial hin zu einer voll funktionierenden Persönlichkeit (vgl. Rammsayer und Weber 2010, S.161). Dabei konzentriert sich diese Theorie auf angeborene Eigenschaften innerhalb einer Person, die auf Kreativität und Wachstum ausgerichtet sind, wobei situative Faktoren als „Beschränkungen und Barrieren“ (Gerrig und Zimbardo 2008, S.523) angesehen werden.

Ein Kritikpunkt, welcher der Freud’schen Theorie häufig anhaftet, ist die zu pessimistische Sichtweise mit all ihren schmerzhaften verborgenen Erinnerungen im Unbewussten. Der humanistische Ansatz verkörpert eine Theorie, die den Menschen trotz Fehlleistungen wertschätzt (vlg. Gerrig und Zimbardo 2008, S.524 f.). Dennoch wird nicht immer klar, was genau unter Selbstverwirklichung zu verstehen ist. Zudem wird oft kritisiert, dass wichtige Umweltvariablen vernachlässigt werden, aus der die Rolle des Selbst seine Erfahrungen bezieht und von denen es abhängt ob das übergeordnete Ziel gelingt (vgl. Gerrig und Zimbardo S. 525). Auch zeigt die Theorie nicht, wie Verhaltensweisen von Menschen durch die Interaktion mit der Situation erlernt oder geschaffen werden. Gemeinsam haben beide Theorien, dass sie einen großen Einfluss auf andere wissenschaftlichen Disziplinen aufweisen. Rogers und Freud führten auf diesem Gebiet auch keine Untersuchungen, in Form von Langzeitstudien oder Beobachtungen an Kindern durch (vgl. Perrin et. al 2005, S. 277). Überdies machen beide Theorien keine reliablen Vorhersagen über menschliches Verhalten. Freuds Theorie kann nur rückwirkend betrachtet werden, nachdem Ereignisse schon stattgefunden haben. Ebenso wie bei den humanistischen Theorien werden die aktuellen Umweltvariablen, wie z.B. Reize, vernachlässigt, die Verhalten nicht nur als historisch bedingt betrachten und Verhalten auslösen oder aufrechterhalten können (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S. 525). Nachteile der Freud’schen Theorie sind, dass diese „vage formuliert und nicht operational definiert“ (Gerrig und Zimbardo 2008, S. 525.) sind. Ein Großteil der Theorie kann nur schwer evaluiert werden, wie bspw. Konzepte der Libido oder die Struktur der Persönlichkeit mit ihren Instanzen. Als Resümee lässt sich festhalten, dass sich manche Teile der Freud’schen Theorie in modifizierter Form durch die heutige systematische Forschung wieder zunehmender Aufmerksamkeit erfreuen. Als Beispiele hierfür seien die Forschung des Unbewussten oder der Abwehrmechanismen genannt (vgl. Gerrig und Zimbardo 2008, S. 525 f.).

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